Erste Etappe: Die Theorie

Ein neues Verständnis von Erschöpfung und Erholung

Am Anfang meiner Forschungsreise stand eine scheinbar einfache Frage: Woran merken wir, dass wir erschöpft sind oder uns erholt haben? Gemeinsam mit Alexandra Freund habe ich dazu ein neues Modell entwickelt. Unsere Idee: Erschöpfung gleicht weniger einem leeren Tank als einem Signal. Die Laune sinkt, die Zeit zieht sich, und die Gedanken wandern zu allem, was man jetzt lieber täte. Diese drei Zeichen sagen uns, dass eine Tätigkeit inzwischen mehr kostet, als sie bringt. Das gilt für die Arbeit ebenso wie für die Pause, denn auch Erholung ist irgendwann abgeschlossen.

Der Artikel «When the Fun Is Over» ist in der Fachzeitschrift European Psychologist erschienen und bildet das Fundament für alles, was danach kam.

Zweite Etappe: Energie und Alter

Haben wir mit dem Alter weniger Energie?

Die Antwort lautet: Es kommt darauf an, wofür. In zwei Studien mit Erwachsenen zwischen 18 und 92 Jahren zeigte sich, dass ältere Menschen ihre Energie als weniger begrenzt erleben als jüngere, vor allem für geistige und soziale Tätigkeiten, die ihnen wichtig sind. Körperliche Anstrengung wirkt bei ihnen allerdings stärker auf andere Lebensbereiche nach. Im Bewegungsexperiment fühlten sich die Älteren zu Beginn schneller erschöpft und dachten früher an Alternativen, am Ende des Trainings lagen sie aber wieder gleichauf mit den Jüngeren. Das spricht dafür, dass wir mit den Jahren wählerischer werden, wofür wir unsere Energie einsetzen.

Der Artikel «More or Less Energy with Age?» ist 2020 in Psychology and Aging erschienen.

Dritte Etappe: Ferien

Was macht einen Ferientag erholsam?

Um das herauszufinden, führten 147 Studierende nach einer strengen Prüfungszeit drei Wochen lang jeden Tag Tagebuch. Am erholsamsten waren die Tage, an denen ihre Stimmung besser war als sonst und sie nicht das Gefühl hatten, eigentlich etwas anderes tun zu sollen. Verging der Tag wie im Flug, half das ebenfalls ein wenig. Abschalten und Entspannen allein erklären Erholung also nicht. Für die Praxis heisst das: Gute Ferien bestehen aus Tagen, die Freude machen, etwa mit Freund:innen, Bewegung und Musik.

Der Artikel «Recovery from Accumulated Strain» ist 2021 in Psychology & Health erschienen.

Nächste Etappe: Erholung als Kompetenz

Warum erholt derselbe Feierabend die eine Person und die andere nicht?

Meine aktuelle Antwort: Erholung ist eine Fähigkeit, und Fähigkeiten lassen sich trainieren. Wer sich gut erholt, merkt früh, was der Tag gekostet hat, setzt sich ein passendes Ziel für den Abend, wählt die richtigen Mittel und findet Ersatz, wenn etwas dazwischenkommt.

Besonders interessiert mich dabei das Alter. Vieles spricht dafür, dass ältere Erwerbstätige diese Kompetenz besonders gut beherrschen. Jahrzehnte an Berufserfahrung wären dann ein Vorteil für die Erholung.

In einem geplanten Forschungsprojekt mit Partnerinnen der Universitäten Wien und Zürich möchte ich das mit Erwerbstätigen in der Schweiz und in Österreich überprüfen: mit einem neuen Fragebogen, einer Studie im Arbeitsalltag und einem Training, das Erholungskompetenz gezielt aufbaut.